10.02.2012
Reportage
Schwarz leben

„Geh´ nie bei Rot über die Straße, du musst immer einen gültigen Fahrschein (für die Öffis) haben, schrei niemals Leute auf der Straße an", rät mir Petar M. (alle Namen von der Redaktion geändert) während wir Kaffee trinken in einem Wiener Lokal, wo er schon seit Jahren arbeitet. Schwarz, natürlich. Petar ist einer von ungefähr 100.000 Menschen die in Österreich zur Gänze in der Illegalität leben. Ohne Anmeldung, ohne Bankkonto, meistens hoffnungslos in die Zukunft blickend.
„Glaub´ mir, es ist auf jeden Fall besser in Österreich schwarz zu arbeiten, als "weiß" in Serbien. Meine Eltern sind in Pančevo und ich habe eine Schwester die schon seit 20 Jahren legal in Wien lebt. Zuerst kam ich sie nur besuchen, mit der Absicht nach zwei Wochen wieder zurück zu fahren. Ich fand aber in dieser Zeit Arbeit und habe gedacht, dass ich zumindest ein bisschen für die Rückkehr sparen könnte. Was soll ich sagen, ich bin nun schon seit fünf Jahren hier. Illegal und ohne Plan".
Ohne Plan war auch Ivana T., bis sie entschied zu heiraten um an Papiere ran zu kommen: „Das war die einzige Möglichkeit mich aus der Situation, in der ich mich bereits ganze sieben Jahre befunden hatte, zu befreien. Gekommen bin ich mit einem kroatischem Pass und habe zuerst gedacht, dass ich nur kurz bleibe. In den ersten paar Jahren hatte ich keine konkreten Pläne, aber ich habe trotzdem begriffen, dass ich mich in einer brenzligen Lage befand, dass ich hin und her gerissen war zwischen hier und dort. Obwohl in der Illegalität, entschied ich mich in Österreich zu leben, verliebte mich und begann zu arbeiten. Die Firma für die ich arbeitete versuchte mir Papiere zu verschaffen, es misslang jedoch. Sie sagten mir, dass es in Wien besonders schwierig wäre“. Ivana kommt aus Kroatien. Sie sagt mir, dass das Leben in der Illegalität voller Ängste sei, am meisten vor der Polizei: „Meine Angst war so groß, dass ich mich sogar vor kroatischen Polizisten fürchtete. Ich konnte lange Zeit Polizisten und Beamte fürs Falschparken nicht unterscheiden. Es glich einer Tortur, jeden Tag an Uniformierten vorbei gehen zu müssen. Ich hatte auch viel Angst vor Krankheiten. Immerzu nahm ich Vitamine zu mir, um nicht krank zu werden. Obwohl es eine Klink im zweiten Bezirk gibt, die auch "illegale Patienten" aufnimmt, aber nur im Notfall“. Das Leben in der Illegalität hat seine eigenen, ungewöhnlichen "Regeln". „Du passt auf wenn du über die Straße gehst, du meidest Lokale die oft von Polizisten besucht werden". Aus diesem Grund arbeite sie auch im ersten Bezirk.
Ivana ist heute „glücklich" verheiratet und lebt legal in Österreich. „Seitdem ich geheiratet habe, fühle ich mich wie neugeboren. Durch den legalen Aufenthalt kam auch mein Selbstvertrauen wieder, das Gefühl, dass man immer noch was wert ist, dass man sich zu den anderen zählen kann. Heute habe ich nicht das Gefühl, dass ich mich verstecken muss, dass ich weniger wert bin“.
Menschen, die sich illegal in Österreich aufhalten, haben eine interessante Lebensgeschichte. Die Geschichte, die mit Abstand die größte Aufmerksamkeit in Österreich auf sich gezogen hat, ist die von Arigona; eines 18-jährigen Mädchens aus dem Kosovo, dass trotz unzähliger Berichterstattungen, Fotografien auf verschiedenen Titelseiten und hartnäckigem Urgierens seitens der Organisationen die sich für Menschenrechte einsetzen - die Kirche, humanitäre Organisationen - im Jahre 2010 Österreich verlassen musste. Sie musste mit ihrer Familie wieder zurück nach Kosovo, nachdem das österreichische Verfassungsgericht den Einspruch gegen die Entscheidung des Bundesinnenministeriums, das die Gewährleistung eines Asyls ablehnte, zurückwies. So wurde der neunjährige illegale Aufenthalt der Familie Zogaj, den sie durch ständiges Einreichen neuer Asylanträge und Einsprüche gegen die negativen Bescheide möglich machten, beendet. Die österreichischen Medien berichteten damals, dass „der Rechtsstaat in Österreich gerettet ist". Im Fall, dass sie sich geweigert hätten, hätte sie die österreichische Polizei mit Gewalt des Landes verweisen können und sie hätten ein 18-monatiges Einreiseverbot gehabt. Die Geschichte der Zogajs begann im Jahr 2001 als der Vater illegal nach Österreich kam und Asyl beantragte. Trotz des negativen Bescheides kam ein Jahr später seine Frau mit den fünf Kindern illegal nach. Eines der Kinder hieß Arigona.
Das Jahr 2007. Die Polizei ist vor der Tür der Zogajs, um sie aus dem Land zu schaffen. Die damals 15-jährige Arigona, die in der Zwischenzeit zum Symbol des Kampfes für die Rechte der Asylanten geworden ist, entschloss sich zu flüchten. Während der Flucht hat sie vom unbekannten Ort aus, per Videobotschaft gedroht, sich das Leben zu nehmen wenn sie und ihre Familie nach Kosovo vertrieben würden. Die Regierung erlaubte der Mutter in Österreich zu bleiben, um ihre Tochter suchen zu können, während die restlichen vier Kinder mit dem Vater nach Kosovo zurückgebracht worden sind. Am 15. Juli 2010 hat Arigona mit ihrer Mutter und ihren zwei Geschwistern Österreich in Richtung Priština verlassen.
Nenad (31) ist noch immer hier. Er ist vor ein paar Jahren aus Serbien gekommen: „Ich bin hierhergekommen, weil die Situation in Serbien aussichtslos ist. Du kommst von vorne bis hinten nicht zurecht, auch nicht mit einem Gehalt. Ich hatte einen Freund, der in Österreich lebt, den rief ich an und fragte, ob ich nicht zu ihm kommen kann, da mir in Serbien der Kragen platzte. Er sagte ja, aber auch, dass er mir keine Arbeit garantieren könne“. Das Leben in Österreich sei am Anfang, so sagt er, sehr schwierig gewesen: „Kaum findest du Arbeit, meistens auf der Baustelle, schon versucht dich jeder zweite zu hintergehen und nicht zu bezahlen, da er ja weiß, dass du ihm nichts anhaben kannst, dass du ein Niemand bist, dass du gar nicht existierst. Heute habe ich, Gott sei Dank, eine mehr oder weniger „normale“ Arbeit. Ich fahre, belade und entlade, arbeite allerlei. Obwohl ich keine fixen Arbeitszeiten habe, kann ich mich dennoch nicht beschweren“.
Nenad fürchtet sich nicht. Er lebe, so sagt er, wie ein „stinknormaler“ Bürger. „Nach zwei Jahren hat es mir endgültig gereicht. Ich hatte das Versteckspiel satt. Wenn sie mich finden, dann werden sie mir wahrscheinlich helfen wieder nach Hause zu kehren, wenn sie mich nicht erwischen, dann kann ich ganz normal weiterleben. Ich gebe zu, dass ich unsere Lokale meide, du weißt schon wie unsere Leute sind, wenn sie zu viel trinken; es endet immer mit Blutvergießen – und schon kommt die Polizei. Ich meide auch andere Plätze, wo ich weiß, dass öfters kontrolliert wird. Es muss nicht ja nicht unbedingt dazu kommen, dass sie mich fragen wer ich bin, was ich hier mache und meine Papiere sehen wollen. Ich benehme mich ja auch ganz normal. Mal sehen, wie lange es noch gut gehen wird“. Er ist sich seiner Situation bewusst und er ist auch darüber im Klaren, dass die Aussichten auf einen Legalisierung seines Aufenthalts sehr gering sind: „Es gibt keine Institution die Menschen wie mir helfen, also illegalen Einwanderern - ich weiß schon gar nicht mehr wie ich uns nennen soll. Vielleicht sind wir auch Außerirdische, die in diesem Land gelandet sind“.
Nenad wünscht sich manchmal ein normales Leben: „Ich stelle mir eine Wohnung vor, die groß genug wäre, um in ihr eine Familie gründen zu können, eine normale Arbeit mit normalen Arbeitszeiten, ein Auto, Mittelklasse, das Recht ein bis zwei Mal im Jahr in Urlaub fahren zu können, in Krankenstand gehen zu können… Ein ganz normales und bescheidenes Leben, halt“. Er sagt, es gäbe zwei Möglichkeiten, sich seinen Traum zu erfüllen: „Die eine Möglichkeit ist es ein Kleinunternehmen zu gründen, eine Anzahlung zu leisten, um immer eine gewisse Summe auf dem Konto zu haben. Auf Grund dieser Firmengründung kann man seinen Aufenthalt alle 6 Monate verlängern. Die andere Möglichkeit besteht darin, zu heiraten und über diese Person zuerst eine Aufenthaltsbewilligung zu bekommen und daraufhin eine Arbeitserlaubnis. Es gibt noch andere Lösungen, aber die sind meistens illegal und von kurzer Dauer“.
Text: Tatjana Pantelić, Dino Šoše
Übersetzung: Ida Pelesić
Fotografie: Shutterstock
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