13.02.2011

Integration

Einwanderer kaufen anders


Die Integrationsdebatte hat die Unternehmen erreicht. Mit ethnisierten Produkten sollen Migranten umworben werden. Dabei ist den Jugendlichen der Heimat-Bezug oft wichtiger als ihren Eltern.


Wenn Engin Ergün an die Integrationsdebatte der vergangenen Monate denkt, hat er ein zwiespältiges Gefühl. Als Privatperson fühlt er sich von der häufig geäußerten These, die in Deutschland lebenden Muslime seien nicht integrationswillig, diffamiert. „Ich habe viele deutsche Freunde, ich habe studiert und eine Firma gegründet. Deutschtürken wie ich kommen in der Diskussion oft gar nicht vor“, ärgert er sich. Als Unternehmer profitiert er jedoch von der Allgegenwärtigkeit muslimischer Stereotype. Seitdem täglich von türkischen Parallelwelten zu lesen ist, fragen sich viele deutsche Unternehmen, ob der gesellschaftliche Fluch nicht ein wirtschaftlicher Segen sein könnte - und diese geschlossenen Gemeinschaften nicht lohnende neue Absatzmärkte für ihre Produkte und Dienstleistungen wären.

Mit dem Beginn der Integrationsdebatte haben sich die Anfragen bei Ergüns Agentur vervielfacht. Ethno IQ präsentiert sich als Tor in die vielen Marketingleitern fremde Werte- und Konsumwelt der in Deutschland lebenden Türken. Neudeutsch nennt sich das Angebot Ethno-Marketing. Dahinter steckt die Idee, dass verschiedene ethnische Gruppen auch unterschiedliche Produkte und Werbestrategien brauchen. Bei einer immer stärkeren Segmentiertung des Marketings scheint es eine logische Konsequenz, dass neben Tangostunden für Homosexuelle und Computerkursen für Rentner nun auch ethnisierte Produkte angeboten werden. Knapp 50 Jahre nach der Ankunft des ersten türkischen Gastarbeiters sagen noch immer knapp zwei Drittel der Deutschtürken, dass sie sich in Deutschland als Türke und in der Türkei als Deutscher fühlen. Das hat eine Studie des Berliner Instituts für Markt- und Medienforschung über deutsch-türkische Wertewelten ergeben. Ergün hat aus dieser Unbehaustheit ein Geschäftsmodell gemacht.

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