22.12.2010

Umfrage unter Migranten

An Politik interessierter als Einheimische


Standard

Zuwanderer sind an Politik interessierter als die Österreicher - und sie übernehmen Mitschuld an ihrer mangelnden Integration.

Wien - Rund 17 Prozent der Bevölkerung hat mittlerweile Migrationshintergrund - was sich in den einheimischen Köpfen über diesen Anteil so zusammenbraut, gilt als bekannt. Bisher relativ unerforscht war hingegen, wie denn die Zugewanderten selbst ticken.

Genau das will das neu gegründete Markt- und Meinungsforschungsinstitut EthnOpinion.at nun ändern - und hat dafür ein 3000 Personen umfassendes Panel aufgebaut, in dem die diversen Migranten-Communities vertreten sind. Dazu präsentierten die Initiatoren, das Online-Marktforschungsinstitut meinungsraum.at, die interkulturelle Zeitung Biber und die Agentur The Skills Group, am Freitag ihre ersten Umfrageergebnisse unter 527 Migranten und 1000 Österreichern, die unter anderem die Einstellung der Zuwanderer zur Politik im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung beleuchten soll.

Eines der überraschendsten Ergebnisse: Die Migranten sind an der heimischen Politik sogar etwas mehr interessiert als die Alt-eingessenen. In Zahlen: Während nur 34 Prozent der Österreicher "sehr" tangiert, was Faymann, Pröll, Strache und Co so treiben, sind es unter den Zugewanderten 37 Prozent.

Unterschiede bei verschiedenen Ethnien
Bei der Unzufriedenheit mit den Parteien tun sich jedoch deutlichere Unterschiede auf. 30 Prozent der Einheimischen glauben, dass "eigentlich keine Partei" ihre Interessen vertritt - eine Meinung, die nur 21 Prozent der "neuen Österreicher" teilen. Aufgesplittet nach Ethnien ergibt sich allerdings ein differenzierteres Bild. Unter den befragten Kroaten etwa fühlen sich nämlich 38 Prozent von den Parteien vernachlässigt, unter den Türken bloß drei Prozent. Eine Erklärung dafür könnte laut Studienautoren sein, dass in einigen Parteien längst Politiker mit türkischen Wurzeln vertreten sind - und sich ihre Landsleute daher besser vertreten fühlen.

Schuldeingeständnisse
Auffallend auch, dass die Zugewanderten den österreichischen Institutionen, also Ämtern, Bildungssystem, Sozialversicherung, mehr Vertrauen entgegenbringen als die Eingeborenen. Einzige Ausnahme: die Polizei. 65 Prozent der Österreicher vertrauen auf die Exekutive, die Migranten nur zu 60 Prozent - was laut EthnOpinion.at auf schlechte Erfahrungen mit den Behörden zurückzuführen sein könnte. Ziemlich schuldbewusst eingestellt sind die Migranten gegenüber ihrer mangelnden Integration. Fast drei Viertel von ihnen (exakt 73 Prozent) glauben, dass sie sich beim Einleben in die Gesellschaft selbst im Weg stehen. Den Österreichern schieben die Befragten aber auch Schuld zu - zu 47 Prozent. Die Politik und die Gesetzgebung wird dafür weniger verantwortlich gemacht. Nur 45 Prozent der Migranten glauben, dass ihre fehlgeschlagene Integration damit etwas zu tun hat.

Was die Repräsentativität der Migranten betrifft, räumen die Studienautoren ein, dass aufgrund der Online-Umfrage die Teilnehmer etwas urbaner, einkommensstärker, jünger, gebildeter sind als der Schnitt, aber: Am Panel werde noch weitergearbeitet. Künftig will EthnOpinion.at vierteljährlich seine Erkenntnisse vorlegen.

(Nina Weißensteiner, DER STANDARD-Printausgabe, 11./12.12.2010)



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