14.11.2011

Ilkim Erdost im Gespräch

VHS Ottakring unter neuer Leitung


Interview – Die türkischstämmige Ottakringerin und studierte Informationsdesignerin Ilkim Erdost ist seit Juli 2011 die neue Leiterin der VHS Ottakring.

Seit 1. Juli 2011 leitet Mag. (FH) Ilkim Erdost die Wiener Volkshochschule Ottakring-Hernals. Die Weiterbildung aller Bevölkerungsschichten und die Bildungschancengleichheit liegen Frau Erdost besonders am Herzen. BUM Media sprach mit der Direktorin über die neuen Schwerpunkte der Weiterbildungseinrichtung, über die heikle Frage einer MigrantInnenquote und über die bildungspolitischen Herausforderungen, mit denen sich die VHS konfrontiert sieht.

BUM: Sie sind seit wenigen Monaten die Leiterin der VHS Ottakring. Damit befinden Sie sich als eine der wenigen Frauen und ÖsterreicherInnen mit Migrationshintergrund in einer beruflichen Schlüsselposition. Sie waren bereits als Mediensprecherin für den waff tätig und haben als parlamentarische Mitarbeiterin in der Presseabteilung der SPÖ gearbeitet. Wie würden Sie Ihren Werdegang beschreiben?

Obwohl er auf den ersten Blick unterschiedliche Bereiche umfasst, war mein beruflicher Werdegang immer von einem gesellschaftspolitischen Anspruch geprägt. Um etwas zu bewegen bzw. voranzubringen, ist es wichtig, den Blick auf die soziale Frage zu lenken. Das heißt: woher kommen die Menschen, welche Bildungshintergründe bringen sie mit und was sind ihre Startvoraussetzungen. Dies lässt viele Rückschlüsse darauf zu, wie sie ihre Chancen wahrnehmen können. Die jetzige Arbeit in einer Schlüsselposition ermöglicht es mir, in einem Bereich tätig zu sein, der die persönlichen Lebenschancen von Menschen sehr stark prägt.

BUM: Hatte Ihrer Ansicht nach Ihr kultureller Hintergrund Auswirkungen auf diese berufliche Entwicklung?

Mit Sicherheit hatte dies auch Auswirkungen auf meine berufliche Entwicklung. Jedoch lässt sich schwer sagen, wie viel davon kultureller Hintergrund, wie viel Bildungshintergrund  und wie viel politische Wertehaltung ist. Aber natürlich prägt der kulturelle Hintergrund auch das persönliche Weltbild und die Sozialisation. Wenn man einen Migrationshintergrund hat, bedeutet das nicht per se, dass man beispielsweise ein besseres Verständnis für  Konflikte mitbringt. Es ist wichtig, sich immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass man einen bestimmten kulturellen Hintergrund hat und das Privileg hat, verschiedene Kulturen kennenzulernen. Dadurch kann man neue Horizonte erschließen.

BUM: Im sechzehnten Wiener Gemeindebezirk leben viele Menschen mit Migrationshintergrund. Was sind die größten Herausforderungen, mit denen sich die VHS konfrontiert sieht?

Ottakring liegt auf Platz vier in den Wiener Rankings, was den Migrationshintergrund der Bezirksbevölkerung betrifft. Ich denke, die bildungspolitischen Herausforderungen in Ottakring lassen sich vor allem an der vorherrschenden Sozialstruktur ablesen. Der Durchschnitt der Ottakringer ArbeitnehmerInnen bekommt etwa nur ca. 80% vom Durchschnittseinkommen aller WienerInnen. Das lässt Rückschlüsse darauf zu, was im Bereich der Bildungspolitik ansteht. Dabei spezialisieren wir uns u.a. auf das Bildungsprogramm für Jugendliche und damit verbunden auf die Mehrsprachigkeit. Wir möchten z.B. Türkisch-Kurse für MuttersprachlerInnen anbieten. Weiters gibt es in Ottakring eine sehr kleinteilige Struktur der Unternehmer, für die in Zukunft die Angebote erweitert werden sollen.

BUM: Möchten Sie mit dem Kursprogramm gezielt spezifische Gruppen ansprechen? Gibt es beispielsweise Kurse für Frauen, die über ihre Rechte und Pflichten aufklären?

Wir arbeiten mit ZARA zusammen, die Antirassismus-Workshops in der VHS anbieten. In den Lehrinhalten wird grundsätzlich Wert darauf gelegt, dass „Empowerment“, das Vermitteln von Demokratieverständnis und das Verständnis von Bürgerrechten selbstverständlicher Bestandteil unserer Kursinhalte sind. 

BUM: Was ist Ihrer Meinung nach nötig für ein gelingendes Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft?

Viel Geduld und viel Gelassenheit sind dafür notwendig. Ich denke, dass wir uns keinen Gefallen tun, wenn wir die Integration ständig problematisieren. Jeder versucht, den schwarzen Peter dem Anderen zuzuschieben. In Wirklichkeit verlieren wir aus den Augen, dass wir in einem Land leben, das eines der fünf reichsten Länder der Welt ist. Wir haben ein sehr gut funktionierendes soziales Netz. Natürlich gibt es auch einige Bereiche, die Reformen erfordern, wie etwa das Bildungswesen.

BUM: Welche Schwerpunkte werden Sie in den kommenden Monaten im Bildungsprogramm setzen?

Bildungsministerin Claudia Schmidt (SPÖ) hat vor Kurzem die „Initiative Erwachsenenbildung“ präsentiert. Das bedeutet, dass der Bereich Basisbildung auf neue finanzielle Beine gestellt wird. Dass dieses Angebot kostenlos genutzt werden kann, halte ich für einen bildungspolitischen Meilenstein. Alphabetisierungskurse und Deutschmaßnahmen sind ein Schwerpunkt, ebenso wie die Arbeit mit Jugendlichen. Auch die Angebote für den zweiten Bildungsweg gehören zu unseren Schwerpunkten. Ich möchte verstärkt im Bezirk präsent sein, um Netzwerke besser in unsere Arbeit einzubinden.

BUM: Im Rahmen der Debatte um Integration kommt in letzter Zeit auch das Stichwort „MigrantInnenquote“ auf. Was halten Sie davon?

Meiner Ansicht nach ist eine gesetzliche Quote ein Instrument, das den Frauen vorbehalten sein sollte. Die Verknüpfung zwischen Quote und Herkunft finde ich weitaus schwieriger. Der Status, Migrantin zu sein, beinhaltet eine gewisse Selbstdefinition. Es gibt viele Menschen, die statistisch gesehen einen Migrationshintergrund haben, diesen Status aber nicht für sich beanspruchen. Darum empfinde ich diese Quote als problematisch.

Foto: Müller 



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