14.11.2011
Brunnenpassage
Gespräch mit Anne Wiederhold & Ivana Pilic

Es ist ein klarer sonniger Montagvormittag am Yppenplatz in Wien Ottakring. Die Menschen sitzen gemütlich beim Frühstücken beisammen, als wir die Brunnenpassage betreten. “Wir arbeiten gerade an der Isolierung der Räumlichkeiten,” erklärt uns Anne Wiederhold, die künstlerische Leiterin, das Hämmern und Klopfen. Kurzerhand verlegen wir das Interview in den Gastgarten des CI, wo wir lächelnd begrüßt werden. Man kennt einander hier. In familiärer Atmosphäre sprachen Anne Wiederhold und Ivana Pilic, Projektkoordinatorin, mit uns über ihre Erfahrungen in und mit der Brunnenpassage.
BUM: Wie ist es überhaupt zur “Brunnenpassage” gekommen?
Anne Wiederhold: 2007 hat alles begonnen. Die Brunnenpassage ist eine ehemalige Markthalle. Durch viele gute Umstände und Zufälle entdeckten wir, dass die Halle leer stand. Und wir waren damals auf der Suche nach Proberäumlichkeiten für ein großes Tanzprojekt. Das war 2007 die Eröffnung der Wiener Festwochen. Es waren 220 Kinder und Jugendliche aus den unterschiedlichsten kulturellen Backgrounds, sozial benachteiligte Jugendliche und Schulklassen daran beteiligt. In unseren Projekten geht es immer darum, dass sich ganz unterschiedliche Menschen über Kunst und Kultur begegnen. Im Prinzip war der Plan, dass wir 2008, nach einem Pilotjahr, das neue Haus eröffnen. Es kam aber ganz anders, weil im Prinzip schon 2007, als wir hier die Musik angestellt haben, die Leute kamen. Wir haben also mit dem Programm einfach begonnen und keine große Eröffnung gehabt. Von Beginn an waren wir mit den Menschen, mit dem Markt, mit vielen Vereinen und Künstlern aus der Umgebung in Kontakt.
BUM: Wie werdet ihr jetzt, nach vier Jahren des Bestehens angenommen? Wie ist das Feedback?
Anne: Durchwegs positiv. In Wirklichkeit gibt es nichts Vergleichbares in Wien. Daran zu arbeiten, dass Leute die keinen Zugang zu Kunst und Kultur haben den bekommen, ist natürlich innovativ und ist auch im Sinne der Stadt Wien. Ganz zu Beginn wurde eine Glasscheibe eingeschlagen. Wir wissen bis Heute nicht wer das war, aber wir erleben sehr wenig offene Kritik. Meistens bekommen wir Feedback wie: “Endlich gibt es das!” In den Medien heißt es oft, dass sich MigrantInnen abschotten und ÖsterreicherInnen xenophob sind. In der Brunnenpassage leben wir etwas anderes. Nämlich, dass Leute sich durchaus freuen gemeinsam zu arbeiten.
BUM: Stichwort Migrantinnen, die sonst nicht mit dem etablierten Kunst- und Kulturbetrieb in Berührung kommen. Wie erreicht ihr euer Publikum?
Ivana: Es braucht neue Wege und wir machen uns aktiv auf die Suche. Wir lernen jeden Tag etwas dazu. Es reicht nicht, nur einen Raum zu haben. Wir haben auch ein kunterbuntes Team. Anders geht es nicht. Seitdem eine Muslima bei uns arbeitet, kommen auch andere Muslimas zu uns, die vielleicht vorher nicht gekommen wären. In einer gewissen Weise ist es so einfach, andererseits ist das genau der Weg, den viele andere nicht gehen. Eine weitere wichtige Sache ist, dass wir unser Angebot viersprachig bewerben. Auch der Kontakt zu den entsprechenden Medien ist da sehr wichtig. Oder man geht persönlich in Lokale hier am Brunnenmarkt und spricht einfach mit den Leuten. Dass unser Angebot kostenfrei und frei zugänglich ist spielt auch eine Rolle.
BUM: Ist es denkbar eine weitere Brunnenpassage, angepasst an die jeweilige Infrastruktur, beispielsweise im 10. Bezirk zu haben?
Anne: Natürlich, es braucht kulturpolitisch weitere Orte wie die Brunnenpassage. Nur stellt sich die Frage, wer das finanzieren würde. Ähnliche Projekte im 15., 11., 21. und 15. Bezirk wären großartig. Nur da muss vonseiten der Stadt und der öffentlichen Hand Geld vorhanden sein.
BUM: Ihr geht raus und auf die Leute zu. Funktioniert das auch umgekehrt, dass z.B. Leute bei euch anklopfen und fragen, ob sie etwas bei euch machen können?
Anne: Ständig. Ich habe teilweise drei Anfragen pro Tag. Wobei wir viele ablehnen, weil es oft um Hochzeitsfeiern und Ähnliches geht. Wir achten auf den Inhalt und auch darauf ob MigrantInnen mitwirken.
BUM: Ihr habt den Österreichischen Integrationspreis 2011 verliehen bekommen. Welche Bedeutung hat dieser Preis für euch?
Ivana: Es wäre sehr schön, wenn man von Integration gar nicht sprechen müsste, wenn die Gesellschaft diesbezüglich schon weiter wäre. Der Preis war sehr wichtig für uns. Wir haben uns sehr über die Verleihung gefreut, weil wir ein starkes mediales Feedback dadurch bekommen haben. Das war für mich die wichtigste Errungenschaft durch den Preis. Aber natürlich war es auch eine Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
BUM: Was war für euch persönlich das bisher schönste Erlebnis bei eurer Arbeit?
Ivana Pilic: Für mich war es beim Projekt “Zwischen Nachbarn”, bei dem wir Menschen in ihren Wohnungen porträtiert haben. Bei der darauffolgenden Ausstellung kam ein kleiner türkischer Bub mit fünf von seinen Freunden und hat ihnen total stolz sein Bild gezeigt. Es ist wichtig positive Aufmerksamkeit zu schenken und Leute einzubeziehen, die sonst vielleicht zu wenig Raum in unserer Gesellschaft bekommen. Der Stolz dieses Buben war auch die Anerkennung für die Arbeit die wir machen.
Anne Wiederhold: Das Schöne an dieser Arbeit ist, dass es fast jede Woche etwas gibt, dass mich berührt. Ganz am Anfang gab es einen jungen Flüchtling aus Afghanistan. Er kam aus sehr traumatisierenden Verhältnissen, hat auf der Flucht seinen Bruder verloren. Er sagte mir, dass er durch das Tanzen bei uns einen Platz in seinem Leben gefunden hat, wo wieder Frieden ist. Das hat mich sehr berührt.
Die Brunnenpassage ist ein Projekt der Caritas Wien. Weitere Informationen finden Sie unter www.brunnenpassage.at
Foto: Anne Wiederhold
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