18.04.2011
Kid Pex im Interview
Der Tschuschenspitter vom Dienst

Kid Pex - der selbsternannte "Tschuschenspitter vom Dienst" - ist einer der wenigen Hip-Hop Musiker in Österreich mit Migrationshintergrund, die in ihrer eigenen Muttersprache rappen. Sein variierender Flow, seine energische Stimme und der gewisse Südländerlifestyle in seinen Raps sind seine größten Markenzeichen.
BUM: Wie würdest du dich selbst beschreiben? Was macht deine Persönlichkeit aus?
Meine wichtigste Eigenschaft ist wohl die Zielstrebigkeit. Ich versuche mit jedem neuen Tag, jedem neuen Lied und jedem neuen Lebensschritt meine Ziele und Ideale zu verwirklichen. Das Leben ist ein Um und Auf, ein – wie man es im Hip Hop sagen würde – ständiger „Hustle“. Deswegen gebe ich auch jeden Tag tausend Prozent und versuche, auch in meiner Rolle als Rapper bzw. „Tschuschenspitter vom Dienst“, das Beste daraus zu machen.
BUM: Du hast sehr früh damit begonnen Musik zu machen. Was war der Grund für dich Hip-Hop zu machen?
Hip Hop war die Musik, die ich schon immer am liebsten gehört habe. Von Westcoast über Balkan-Rap bis Westberlin: ich war sehr schnell mit dem Hip-Hop Virus infiziert. Zuerst hat mich die Musik, aber später dann auch die ganze Kultur an sich fasziniert. Das Rebellische, das Kreative und das Eigenständige hat mir gefallen. Und irgendwann kommt auch dann der Zeitpunkt, wo du selbst etwas beisteuern willst und aktiv wirst. Natürlich war ich anfangs, wie die meisten, einfach nur schlecht, aber man entwickelt sich ja weiter. Gestern verkaufte ich noch CD`s aus dem Plasticksackerl und heute bin ich in den Charts. Mit genug Talent, Wille und Glaube an seine eigene Sache ist eben alles möglich.
BUM: Im Hip-Hop gibt es unterschiedliche Styles. Die argentinische Migrantin Keny Arkana aus Frankreich beispielsweise versucht mit ihrem Rap auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen. Hast du auch einen gesellschaftskritischen Anspruch. Falls ja: was ist deine „message“?
Ich bin jetzt Mitte 20. Da wäre es einfach unreif nur Lieder mit reinem Entertainment-Faktor zu machen. Rap bietet mehr Möglichkeiten als nur darüber zu rappen wie hart man nicht ist, wie gut man nicht ist und wie schlecht alle anderen sind. Ich stehe auch nach wie vor zu solchen Liedern von mir und ich feier das auch, aber nach meinem jetzigen Album stehe ich mindestens genauso für Message. Die Tracks wie „Dijete ovog svijeta“ (Kind dieser Welt), wo ich über das Leben von mir als Migrantenkind rappe, oder auch der sozialkritische Track „Zatvorene oci“ (Geschlossene Augen), beweisen das auch. Ich bin auch froh, dass ich nicht künstliche Härte vorspielen muss, um Anerkennung und Erfolg zu haben. Denn viele sind – vor allem in Österreich sehr erfolglos - auf diesen übertriebenen Gangster-Zug aufgesprungen. Auch wenn ich nicht über solche Sachen rappe: die Leute wissen eben trotzdem von mir, dass ich hart bin. Und zwar nicht weil ich angeblich 10 Leute niedergeschlagen habe und dann mit ihren Müttern Sex hatte, sondern weil ich in dieser Stadt auf meine Muttersprache rappe, meinen eigenen Weg gehe und meine CD`s noch immer selbst verkaufe.
BUM: Du bist mit 9 Jahren von Zagreb nach Wien gekommen. Wie hast du Wien wahrgenommen? Welche guten und schlechten Erfahrungen hast du als junger Migrant in Wien gemacht? Hast du diese Erfahrungen in deinem Rap verarbeitet?
Die Erfahrungen habe ich vor allem im Lied „Dijete ovog svijeta“ (Kind dieser Welt) verarbeitet. Als ich nach Wien kam, war es natürlich eine große Umstellung für mich, genauso wie für jeden Zuwanderer. Jedoch lebt man sich mit der Zeit ein und Wien ist mittlerweile wie eine Heimatstadt für mich. Es ist eine Multi-Kulti Umgebung mit vielen Facetten und Herausforderungen, aber genau das macht ja unser Leben hier aus. Natürlich gab es auch negative Erfahrungen punkto Fremdenfeindlichkeit, aber manche Leute sind eben unverbesserliche Ewiggestrige, denen man nicht mehr als Ignoranz schenken sollte. Denn die Welt, in der diese Leute leben oder leben möchten, existiert sowieso nicht mehr.
BUM: „Hip-Hop ist mehr als Musik – Hip Hop ist ein Lebensgefühl“ – wie lebst du dieses abseits der Musik noch aus?
Ich lebe es in meiner Einstellung: der Wille aus dem Nichts viel zu schaffen, alles zu geben und für seine Sache zu kämpfen. Nebenbei versuche ich die Hip Hop Kultur auch an Menschen außerhalb der Szene näher zu bringen und da auch die Vorurteile aus dem Weg zu räumen. Eine der besten Erfahrungen in diese Richtung war ein Hip-Hop-Workshop, den ich gemeinsam mit der Rapperin Mag-D (Multitaskingsistas) an der Mittelschule Liniengasse mit Schülergruppen gemacht habe. Dann gab es natürlich auch einige Auftritte vor Nicht-Hip-Hop Publikum wie im Outlet-Center Parndorf oder bei der Käfig-Fussball-WM in Wien. Und da merke ich eben immer öfter: wenn Leute, die nichts mit Rap zu tun haben, leidenschaftlichen Rap mal live sehen, sind sie immer wieder fasziniert und positiv überrascht. Das gibt mir natürlich noch mehr Ansporn.
BUM: Deine neue CD „Wiener Wunder“ kam in die Charts. Am Balkan wurdest du durch dein Duett mit dem serbischen Rapper Juice bekannt. Und nun hast du auch eine Rolle im neuen „Mundl-Film“. Wie kommst du mit dem plötzlichen Erfolg klar?
Zu sagen es hätte sich absolut nichts verändert, wäre natürlich gelogen. Die Kids erkennen mich auf der Straße, die Verkäufe und die Bookings sind erheblich gestiegen und die Journalisten rufen mittlerweile fast jede Woche an… Trotzdem weiß jeder, der mich kennt, dass ich genauso bleibe wie ich bin. Ich bin von Kopf bis Fuß Untergrund. Das heisst: ich hänge noch immer mit den gleichen Leuten ab, nehme meine Lieder im kleinen Zimmer von Ill Eagle (Produzent von Kid Pex) auf, besuche weiterhin die untergrundigsten Hip Hop Jams und versuche – so gut es geht - auch Leute aus meinem Umfeld zu unterstützen.
BUM: Bislang können nur wenige Musiker in Österreich von deren Musik leben. Wie bewertest du die Situation für die Hip-Hop-Szene hierzulande? Was müsste deiner Ansicht nach verbessert werden?
In Österreich Hip Hop zu machen ist rein ökonomisch gesehen – in 95 Prozent der Fälle - zum Scheitern verurteilt. Das Problem ist, dass österreichischer Hip Hop öffentlich nicht den Platz erkämpft hat, den er eigentlich verdient. Es gibt so viel guten Rap hier, aber im Radio wird so was zu selten gespielt. Und da meine ich nicht nur Hip Hop, sondern generell heimische Indie-Musik. Der beste Beweis wie lange österreichischer Hip Hop braucht, um an das breite Publikum zu kommen, ist wohl das Lied „Kabinenparty“ von Skero. Das wurde erst nach viel Druck der Fans und mit einem Jahr Verspätung (!) zum Hit. Es wird Zeit, dass sich endlich etwas ändert und da sind wir alle gefragt: vom Fan bis zum einfachen Zuhörer, der sich nicht damit abgeben will, dass noch immer der überwiegende Großteil der Tantiemen ins Ausland fließt, anstatt das man gute heimische Musik für ihre Arbeit belohnt.
BUM: Kannst du dir vorstellen aus Karrieregründen ins Ausland - bspw. in die Hip-Hop-Metropole Berlin - zu ziehen?
Nein. Ich bin ja gerade ein Beweis, dass man auch in Österreich etwas erreichen kann, auch wenn es hier natürlich schwieriger ist. Es kann schon sein, dass man dort noch mehr Möglichkeiten hätte, aber ich fühl mich einfach zu wohl hier. Andererseits mache ich ja auch mein Studium (Publizistik- und Kommunikationswissenschaften) gerade fertig. Ich habe dieses Jahr mit Rap einen guten Nebenverdienst gehabt, aber unterm Strich ist es doch so für fast jeden österreichischen Rap-Musiker: man lebt für den Rap, man lebt mit dem Rap, aber man lebt nicht nur vom Rap.
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