Die Frage der Sprache

Vor allem Migranten aus der Türkei stecken im Dilemma: Sollen sie auf den Rat vieler Lehrer hören und ihre Kinder erst einmal Deutsch lernen lassen? Experten widersprechen: „Lernt Türkisch!“
Sevgi Sertkaya ist verunsichert. Die Lehrerin ihrer siebenjährigen Tochter hat empfohlen, sie solle mit ihrem Kind zu Hause nur Deutsch reden, damit es die Sprache schneller erlerne. Sertkaya ist vor fast zehn Jahren aus der Türkei nach Wien gekommen, ihr Deutsch ist noch immer schlecht. Sie muss als Putzfrau um drei Uhr morgens aufstehen und kommt am Nachmittag müde nach Hause. Ihr Mann Mustafa, ein Bauarbeiter, hat auch kaum Zeit, sich um die Deutschkenntnisse der Siebenjährigen und ihrer älteren Schwester zu kümmern.
Aber wann könnte sie überhaupt ihr Deutsch verbessern? Wie soll sie es ihrem Kind beibringen? Sollte es nicht auch die Muttersprache beherrschen?
Mit diesen Fragen ist Sevgi Sertkaya nicht allein. Laut Statistik Austria hatte ein Fünftel der Pflichtschüler in Österreich im Schuljahr 2005/06 eine andere Muttersprache als Deutsch, in Wien fast die Hälfte. Für die türkische Community in Österreich ist die diesbezügliche Situation besonders prekär: Anders als bei anderen Migranten gibt es keine türkische Privatschule. Das österreichische Schulsystem erwartet, dass alle Kinder, auch binationale und Migrantenkinder, Deutsch beherrschen. Erzieherinnen in Kindergärten fühlen sich überfordert, Deutsch als Fremdsprache zu vermitteln. Dafür sind sie auch nicht ausgebildet.
Meist spielen sie den Ball an die Eltern zurück: „Sprecht Deutsch!“ Viele türkische Eltern können dies mehr schlecht als recht. Eingeschränkter Wortschatz und falscher Einsatz grammatikalischer Regeln werden vom Kind übernommen. Und es ist sehr schwer, solche Fehler wieder auszubügeln.
Zwei Drittel mehrsprachig
Mehr als 70 Prozent der Weltbevölkerung verwenden laut Unesco täglich mehr als eine Sprache. Doch in Westeuropa ist mehrsprachige Erziehung nicht verbreitet. Die meisten Österreicher sind gegen bilinguale Schulen mit Türkisch oder Serbokroatisch als zweiter Sprache. Auch viele türkische Eltern sind dagegen, weil sie befürchten, dass ihre Kinder dann schlechter und langsamer Deutsch lernen. Deshalb lehnen sie auch den Besuch von separaten türkischen Sprachkursen ab. Derartige Befürchtungen teilt Sprachwissenschaftler Hannes Scheutz, Assistenz-Professor an der Uni Salzburg, nicht.
Im Gegenteil: „Nur wer seine Muttersprache beherrscht, kann leicht und schnell Deutsch lernen.“ Das meint auch Heidrun Augendopler. Sie unterrichtet an einer Volksschule überwiegend Kinder, die nicht Deutsch als Muttersprache haben, und sagt: „Die Muttersprache ist wichtig, um Fremdsprachen zu lernen – besonders bei einer so schwierigen Sprache wie Deutsch.“
Die Lehrinhalte werden den Kindern zwar teilweise auch in ihrer Muttersprache vermittelt. Aber: Es gibt viel zu wenige Lehrerinnen mit dieser Zusatzqualifikation und nicht mehr als zwei bis drei Wochenstunden. Für die türkische Sprache sind es in Österreich 315Lehrkräfte, 125 von ihnen in Wien – hier pendeln sie zwischen 73 Volks-, 19 Haupt- und 5 Sonderschulen, sowie einem Islamischen Gymnasium und einem Polytechnikum.
Experten sind sich einig: Mehrsprachigkeit ist auf keinen Fall ein Nachteil. Sie fördere Lernfähigkeit und schulische Leistungen der Kinder. „Mehrsprachigkeit ist also eine Chance für alle Kinder, nicht nur Migrantenkinder“, meint Sprachexperte Scheutz. Sein Credo: „Lernt Türkisch!“
Die wenigen Eltern, die sich für zweisprachige Erziehung entscheiden, tun dies, weil sie für ihr Kind bessere Berufsaussichten erhoffen; und weil sie glauben, dass die Kinder ihre Wurzeln so besser begreifen. Andernfalls führte dies zu einer Distanz zur eigenen kulturellen und sprachlichen Herkunft und in der Folge oft zu Identitätskrisen.
Hatice Deveci hat diese leidvolle Erfahrung gemacht. Sie und ihr Mann haben zu Hause mit ihrer Tochter, heute 18 Jahre alt, fast nur Deutsch gesprochen, wie es die Lehrer empfohlen haben – trotz mangelnder Kenntnisse. Deveci: „Damals glaubten wir, dass sie schlechter Deutsch lernen würde, wenn wir mit ihr Türkisch reden.“
Und weiter: „Heute kann sie kaum Türkisch. Sie kennt ihre kulturellen Wurzeln und die Traditionen meiner Familie nicht. Als richtige Österreicherin fühlt sie sich auch nicht. In der Pubertät hat dies zu Konflikten geführt. Bei meinem achtjährigen Sohn machen wir den Fehler nicht. Wir sprechen zu Hause auch Türkisch, am Wochenende besucht mein Sohn einen Türkischkurs. Er spricht Deutsch und Türkisch sehr gut und kennt die Kultur der Türkei und Österreichs.“
Serpil Bucan und ihr österreichischer Mann Peter Bucan wollten, dass ihre Söhne – 11 und 16 Jahre alt – gleichermaßen Türkisch und Deutsch lernen. „Da ich sehr gut Deutsch kann, haben wir zu Hause Türkisch vernachlässigt“, erzählt Serpil. Deshalb beherrscht der 16-Jährige kaum Türkisch. Der Elfjährige lernt es. Seine Mutter sagt heute: „Wenn ich damals die Informationen gehabt hätte, hätte ich mich anders verhalten.“
AYSUN BAYIZITLIOGLU (Die Presse)
„Wer Muttersprache spricht, lernt leicht Deutsch“

Vor allem Migranten aus der Türkei stecken im Dilemma: Sollen sie auf den Rat vieler Lehrer hören und ihre Kinder erst einmal Deutsch lernen lassen? Experten widersprechen: „Lernt Türkisch!“
Sevgi Sertkaya ist verunsichert. Die Lehrerin ihrer siebenjährigen Tochter hat empfohlen, sie solle mit ihrem Kind zu Hause nur Deutsch reden, damit es die Sprache schneller erlerne. Sertkaya ist vor fast zehn Jahren aus der Türkei nach Wien gekommen, ihr Deutsch ist noch immer schlecht. Sie muss als Putzfrau um drei Uhr morgens aufstehen und kommt am Nachmittag müde nach Hause. Ihr Mann Mustafa, ein Bauarbeiter, hat auch kaum Zeit, sich um die Deutschkenntnisse der Siebenjährigen und ihrer älteren Schwester zu kümmern.
Aber wann könnte sie überhaupt ihr Deutsch verbessern? Wie soll sie es ihrem Kind beibringen? Sollte es nicht auch die Muttersprache beherrschen?
Mit diesen Fragen ist Sevgi Sertkaya nicht allein. Laut Statistik Austria hatte ein Fünftel der Pflichtschüler in Österreich im Schuljahr 2005/06 eine andere Muttersprache als Deutsch, in Wien fast die Hälfte. Für die türkische Community in Österreich ist die diesbezügliche Situation besonders prekär: Anders als bei anderen Migranten gibt es keine türkische Privatschule. Das österreichische Schulsystem erwartet, dass alle Kinder, auch binationale und Migrantenkinder, Deutsch beherrschen. Erzieherinnen in Kindergärten fühlen sich überfordert, Deutsch als Fremdsprache zu vermitteln. Dafür sind sie auch nicht ausgebildet.
Meist spielen sie den Ball an die Eltern zurück: „Sprecht Deutsch!“ Viele türkische Eltern können dies mehr schlecht als recht. Eingeschränkter Wortschatz und falscher Einsatz grammatikalischer Regeln werden vom Kind übernommen. Und es ist sehr schwer, solche Fehler wieder auszubügeln.
Zwei Drittel mehrsprachig
Mehr als 70 Prozent der Weltbevölkerung verwenden laut Unesco täglich mehr als eine Sprache. Doch in Westeuropa ist mehrsprachige Erziehung nicht verbreitet. Die meisten Österreicher sind gegen bilinguale Schulen mit Türkisch oder Serbokroatisch als zweiter Sprache. Auch viele türkische Eltern sind dagegen, weil sie befürchten, dass ihre Kinder dann schlechter und langsamer Deutsch lernen. Deshalb lehnen sie auch den Besuch von separaten türkischen Sprachkursen ab. Derartige Befürchtungen teilt Sprachwissenschaftler Hannes Scheutz, Assistenz-Professor an der Uni Salzburg, nicht.
Im Gegenteil: „Nur wer seine Muttersprache beherrscht, kann leicht und schnell Deutsch lernen.“ Das meint auch Heidrun Augendopler. Sie unterrichtet an einer Volksschule überwiegend Kinder, die nicht Deutsch als Muttersprache haben, und sagt: „Die Muttersprache ist wichtig, um Fremdsprachen zu lernen – besonders bei einer so schwierigen Sprache wie Deutsch.“
Die Lehrinhalte werden den Kindern zwar teilweise auch in ihrer Muttersprache vermittelt. Aber: Es gibt viel zu wenige Lehrerinnen mit dieser Zusatzqualifikation und nicht mehr als zwei bis drei Wochenstunden. Für die türkische Sprache sind es in Österreich 315Lehrkräfte, 125 von ihnen in Wien – hier pendeln sie zwischen 73 Volks-, 19 Haupt- und 5 Sonderschulen, sowie einem Islamischen Gymnasium und einem Polytechnikum.
Experten sind sich einig: Mehrsprachigkeit ist auf keinen Fall ein Nachteil. Sie fördere Lernfähigkeit und schulische Leistungen der Kinder. „Mehrsprachigkeit ist also eine Chance für alle Kinder, nicht nur Migrantenkinder“, meint Sprachexperte Scheutz. Sein Credo: „Lernt Türkisch!“
Die wenigen Eltern, die sich für zweisprachige Erziehung entscheiden, tun dies, weil sie für ihr Kind bessere Berufsaussichten erhoffen; und weil sie glauben, dass die Kinder ihre Wurzeln so besser begreifen. Andernfalls führte dies zu einer Distanz zur eigenen kulturellen und sprachlichen Herkunft und in der Folge oft zu Identitätskrisen.
Hatice Deveci hat diese leidvolle Erfahrung gemacht. Sie und ihr Mann haben zu Hause mit ihrer Tochter, heute 18 Jahre alt, fast nur Deutsch gesprochen, wie es die Lehrer empfohlen haben – trotz mangelnder Kenntnisse. Deveci: „Damals glaubten wir, dass sie schlechter Deutsch lernen würde, wenn wir mit ihr Türkisch reden.“
Und weiter: „Heute kann sie kaum Türkisch. Sie kennt ihre kulturellen Wurzeln und die Traditionen meiner Familie nicht. Als richtige Österreicherin fühlt sie sich auch nicht. In der Pubertät hat dies zu Konflikten geführt. Bei meinem achtjährigen Sohn machen wir den Fehler nicht. Wir sprechen zu Hause auch Türkisch, am Wochenende besucht mein Sohn einen Türkischkurs. Er spricht Deutsch und Türkisch sehr gut und kennt die Kultur der Türkei und Österreichs.“
Serpil Bucan und ihr österreichischer Mann Peter Bucan wollten, dass ihre Söhne – 11 und 16 Jahre alt – gleichermaßen Türkisch und Deutsch lernen. „Da ich sehr gut Deutsch kann, haben wir zu Hause Türkisch vernachlässigt“, erzählt Serpil. Deshalb beherrscht der 16-Jährige kaum Türkisch. Der Elfjährige lernt es. Seine Mutter sagt heute: „Wenn ich damals die Informationen gehabt hätte, hätte ich mich anders verhalten.“
AYSUN BAYIZITLIOGLU (Die Presse)




